Vor knapp über einem Jahr habe ich
Sie kennengelernt. Sie ist ein bezauberndes Mädchen. Große, rehbraune Augen, die einen wahlweise angucken können wie ein über beide Ohren strahlendes,
glückliches Kind, wenn es grade das heiß ersehnte Geschenk unterm Tannenbaum entdeckt hat oder wie der Gestalt gewordene Quell aller Traurigkeit der Welt. Ihre Gesichtszüge sind zart und bisweilen
verletzlich, Sie kann sie maskenhaft verstellen oder ihr innerstes nach außen kehren. Bezaubern. Ja, mich hat Sie bezaubert. Aber dazu später mehr.
Das erste mal sah ich Sie, als wir als Erstsemester begrüßt wurden. Am nächsten Tag standen wir zufällig beide in der Schlange zum Bahnhofsschalter, um ein Ticket zu erstehen. Wir kamen ins
Gespräch und stellten alsbald fest, dass wir beide aktuell das Dendemann-Album hörten und das gleiche Laster, Gras, teilten. Wir beschlossen, uns eines Abends zu treffen. Es sollte nicht bei
einem Treffen bleiben.
Uns verbanden schnell gemeinsame Ansichten sowie Interessen und wir harmonierten gleichsam sofort. Bald sollten uns unsere Kommilitonen ein altes Ehepaar schimpfen. Und ich habe mich in Sie
verliebt. Wesentlich schneller als sonst bei mir üblich. Doch sollte nichts daraus werden. Also tat ich, was meine Erfahrung mich gelehrt hatte: Abstand suchen und mich distanzieren. Das klappte
auch ganz gut – immer weniger musste ich an Sie denken. Der Sturz in eine Zeit der Alkohol-Eskapaden und Spaß-über-alles-Lifestyle-Einstellung tat sein übriges.
Nach einigen Monaten war Sie dann beinahe nur noch eine Randerscheinung in meinem emotionalen Bewusstsein. Zumindest dachte ich das. Irgendwann hörte ich auf einer der damals zahlreichen Partys,
Sie sei nicht hier, da Sie sich mit ihrem neuen Freund treffen würde. Dass mir diese Bemerkung einen Stich versetzte, störte mich. War es der Umstand an sich oder die Tatsache, es nicht von ihr
selbst gehört zu haben? Ich weiß es nicht. Der Abend jedenfalls war mir vergellt. Also trank ich. Und die Gedanken an Sie wurden weniger.
Ich war optimistisch: „Über sie bist du hinweg.“ Dann klingelte eines Abends mein Telefon und Sie rief an. Ich fehle ihr. Und mehr als das. Kurzum: Sie hätte sich in mich verliebt. „Nein, du bist
doch durch mit dem Thema“, sagte mein Kopf und Luftsprünge machte mein Herz. „Du hast dir geschworen nie wieder einer Frau hinterherzulaufen und zu warten, bis die Dame sich endlich mal
entschieden hat. Es geht hier ums Prinzip“, sagte mein Kopf und Luftsprünge machte mein Herz. „Wenn du jetzt zu ihr gehst, wird sie immer erwarten, dass du spurst, wenn sie schnippst und du
wartest, wenn sie Zeit braucht. Du weißt wie Frauen sind.“, sagte mein Kopf und Luftsprünge machte mein Herz.
Zwei Tage und eine Nacht später waren wir ein Paar. Meine Wohnung sah ich in den folgenden Wochen nur, wenn ich Nachschub an Kleidung brauchte. Ich genoss jede Sekunde an Ihrer Seite. Wie hatten
mir die Gespräche mich Ihr gefehlt! Wie hatte ich vergessen können, dass Sie die personifizierte Frau aus meiner Vorstellung war? Intelligent, humorvoll, mit Musikgeschmack, redegewandt. Und wie
Sie küsste! Wie Sie liebte! So wohl wie an Ihrer Seite hatte ich mich, wenn überhaupt, lange, lange nicht mehr gefühlt. Und auch Sie blühte auf. Schon vorher hatte ich viel Spaß mit ihr gehabt,
doch so glücklich, so mit ihrer ganzen Seele innigst lächelnd, hatte ich Sie nie zuvor erlebt. Wir taten uns gut und liebten uns.
Drei Wochen lang. Dann musste Sie nach Berlin. Ihre Semesterferien nutzen, um ein Praktikum zu machen. Von da an ging es abwärts. Ich vermisste Sie unglaublich und merkte, wie ich ihr zunehmend
weniger fehlte. Das tat weh. In diesen Wochen wurde auch der Zustand ihres Vaters merklich schlechter.
Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, hatte er die schlimmste Diagnose bekommen: Hirntumor, bösartig. Und nun wurde es schlimmer. Das bezaubernde Mädchen hatte fortan andere Dinge im Kopf
als glücklich und verliebt zu sein. Ich musste dies verstehen und verstand. Als wir uns dann trennten war ich nahezu erleichtert. Zu sehr hatte ich gemerkt, wie entzweit wir mittlerweile waren.
Was es einfacher machte war, dass ich in Dortmund war und mich in Arbeit stürzen konnte. Und wenn die versiegte, floss eben der Rotwein.
Dann kam mit dem neuen Semester auch das bezaubernde Mädchen zurück. Hatte ich ernsthaft geglaubt, die Trennung würde mir so einfach fallen? Hatte ich meinen Worten beim ersten Treffen nach dem
Schnitt tatsächlich geglaubt, man müsse die Dinge eben so nehmen, wie sie kommen und ich käme damit wunderbar zurecht? Und hatte ich tatsächlich geglaubt, ihre rehbraunen Augen, die im
Sonnenlicht bisweilen grünlich schimmern, könnten mich fortan nicht mehr anrühren?
Mein Plan war einfach gewesen: Den Kontakt auf jenes Minimum beschränken, zudem die Universität uns zwingt, schnell Abstand gewinnen und dann alsbald nach dem nächsten Mädchen gucken. Auch andere
Väter haben doch schöne Töchter, oder!? Doch schon nach einer Woche war dieses Vorhaben über Bord gegangen. Wenn wir reden, dann bin ich traurig und wenn ich Sie sehe, werde ich melancholisch und
bin zugleich bezaubert. Wir gingen Essen uns zu Hause war mir klar: Ich will Sie zurück, ich brauche Sie.
Vor wenigen Tagen rief mich ein guter Freund an und erzählte mir, er überlege aktuell, sich von seiner langjährigen Freundin zu trennen (was er mittlerweile übrigens auch getan hat). In diesem
Telefonat sagte er auch folgendes: „Wir haben kaum gemeinsame Interessen. Aber auch wenn ich Schluss mache: Werde ich je ein Mädchen finden, das auch HipHop hört, mit dem man Scrubs gucken,
Bullshit labern und kiffen kann? Das auch mal ein ernsthaftes, tiefsinniges Gespräch führen kann? Mit dem man kochen, gammeln oder Party machen kann?“ Während dieser Sätze pochte es in meinem
Kopf:
Sie. Sie. Sie.
Ich hatte dieses Mädchen schon gehabt und es wieder verloren. Das bezaubernde Mädchen. Manchmal ist es gar nicht so viel, was das Glück braucht und doch ist es so schwer, es zwischen all dem
Plastik in der Welt zu finden.
Ich habe dem bezaubernden Mädchen mittlerweile gesagt, dass ich sie vermisse. Darauf hat es Schönes und weniger Schönes geantwortet. Sie meinte, sich eine Zukunft mit mir vorstellen zu können –
ich kann es derzeit schwerlich ohne Sie und wenn, dann ist es ein grauer Ort. Sie meinte aber auch, sie wisse nicht, was sie empfindet. Ich weiß es: Ich liebe Sie.
Wenn ich aufwache, ist Sie mein erster Gedanke und wenn ich Abends im Bett liege, ist Sie mein letzter. Aber ich weiß, ich bin weder ihr erster noch ihr letzter Gedanke. Ihr Vater liegt im
Sterben und bei Ihm sind ihre Gedanken, Hoffnungen und Sorgen. Auch deshalb bin ich von meinem Plan abgerückt, denn das bezaubernde Mädchen braucht derzeit Menschen, die bei ihr sind. Die ihr
zuhören oder sie mal in den Arm nehmen. Als Ex-Freund wäre das nicht meine Aufgabe. Als Mann der sie liebt, ist es mir ein Bedürfnis und die natürlichste Sache der Welt.
Ich weiß, dass ich damit auf einem schmalen Grat wandere – in mehrerlei Hinsicht. Den wenn man das Mädchen, das man liebt, in seinen Arm nimmt, das Mädchen aber die Ex-Freundin ist, von der man
sich eigentlich lösen sollte, dann ist völlig klar: So löse ich mich sicher nicht. Aber will ich mich lösen? In den Momenten, in denen ich noch Hoffnung flackern sehe, nicht. In den Momenten in
denen die Hoffnung stirbt, wenn etwa das bezaubernde Mädchen von Sex mit Afrikanern spricht oder mein Newsfeed bei Facebook meldet, das bezaubernde Mädchen sei nun Single – ja, in diesen Momenten
denke ich, ich sollte Abschied nehmen.
Ja, der Grat ist schmal. Auch in anderer Hinsicht, denn eines will ich auf keinen Fall: Dass Sie denkt, aus Dankbarkeit ob meiner Hilfsbereitschaft sei Sie mir etwas schuldig. Sie ist es nicht,
denn wer liebt, hilft. Ohne Hintergedanken. Den Grat verlassen will ich derzeit jedenfalls nicht, auch wenn ich öfter die Balance zu verlieren drohe und es weh tut. Ob ich das bezaubernde Mädchen
wieder in meine Arme werde schließen können? Grade glaube ich weniger daran. Ich habe heute mein letztes Hab und Gut, das noch bei ihr war, zurück erhalten. In diesen Momenten fühlt man sich
final getrennt. Außerdem verhält Sie sich zunehmend wie ein normaler Single. Dies zu erleben ist nicht immer einfach. „Sollte ich vielleicht doch...!?“ Diese Gedanken sind müßig – letztlich muss
ich einfach tun, was mein Herz mir sagt. Es wird entscheiden. Grade sagt es:
„Du, ich liebe dich.“ Einfach so – bedingungslos.
Und so kann ich nur hoffen, dass Sie nicht kalkuliert, dass ich spure, wenn Sie schnippst und warte, wenn Sie Zeit will. Aber wie Frauen sind – das weiß ich wohl nicht.
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